Einleitung: Die stille Wucht der dunklen Jahreszeit
Die Vorweihnachtszeit trägt eine besondere Stimmung in sich. Wärme, Lichter, Vorfreude, Nähe – zumindest in unserer Vorstellung. Kinderaugen leuchten, wir treffen uns mit Freunden, und stehen in geselliger und fröhlicher Runde auf einem geschmückten Weihnachtsmarkt oder haben den Spaß unseres Lebens bei einer Schlittenfahrt oder Schneeballschlacht. Es ist doch so! Oder?
Die besondere Vorweihnachtszeit trägt viele Erwartungen mit sich und Ideen, wie es denn am schönsten sein kann. Und dabei spielen andere, uns lieb gewonnene Menschen, oft eine besondere Rolle. Und genau in dieser Zeit melden sich gar nicht selten gleichzeitig Gefühle, die so gar nicht „hineinpassen“ wollen: Einsamkeit, Leere, innere Distanz. Einige Menschen fühlen sich gerade jetzt besonders allein – selbst dann, wenn sie mitten in Familienstrukturen leben oder täglich von anderen Menschen umgeben sind.
Einsamkeit ist nicht dasselbe wie Alleinsein
Alleinsein ist ein äußerer Zustand. Einsamkeit ist ein inneres Erleben.
Man kann allein auf dem Sofa sitzen und sich getragen und verbunden fühlen. Und Sie können am Familientisch sitzen – und innerlich unerreichbar sein. Unser Gehirn sucht nicht unbedingt Menschen – es sucht emotionale Sicherheit, Resonanz und Zugehörigkeit.
Einsamkeit entsteht nicht, weil wir „zu wenige Kontakte“ haben, sondern weil uns etwas fehlt, das für uns als Mensch grundlegend ist: echte Resonanz.
Warum Einsamkeit entsteht – selbst in Beziehungen
Unsere Idee, wie sich gerade die (Vor-)weihnachtszeit anfühlen sollte, kann den realen Bedingungen oft nicht Stand halten. Auch ich bemerke das jedes Jahr aufs Neue: Wie war das denn jetzt mit der “besinnlichen Zeit”? Die eigenen Erwartungen in Verbindung mit der gnadenlosen Realität bilden nicht selten einen ziemlich großen Kontrast! Aus psychologischer Sicht entsteht Einsamkeit vor allem dann, wenn eine spürbare Lücke besteht zwischen dem, was wir uns an Nähe, Verbundenheit und Beziehung wünschen –und dem, was wir im Moment tatsächlich erleben. Wir fühlen uns nicht ausreichend gesehen, gemeint oder zugehörig. Das Modell wird als „Diskrepanz-Modell“ beschrieben und gilt als die am besten erforschte Erklärung über die Entstehung von Einsamkeitserleben. Diese Spannung zwischen dem was wir wollen und dem, was wir tatsächlich haben, entsteht oft durch fehlende emotionale Tiefe in Beziehungen, durch Phasen des Umbruchs, durch innere Hemmungen oder durch alte Beziehungserfahrungen, die Nähe erschweren.
Einsamkeitserleben ist kein persönliches Versagen, sondern ein emotionaler Hinweis, dass eines unserer zentralen psychologischen Grundbedürfnisse – Verbundenheit – gerade zu kurzkommt. Sie zeigt uns: Da ist ein Teil in mir, der gesehen und genährt werden möchte. Und genau dort kann ein Weg zurück in Verbindung beginnen. Auch eine Verbindung zurück zu uns selbst!
Was uns hilft, um Einsamkeit zu lindern
• *Innere Klärung:* Was fehlt mir eigentlich wirklich – tiefer Austausch, Nähe, Gemeinschaft, Ruhe? Schon diese Klärung kann Einsamkeit messbar reduzieren.
• *Mikro-Momente der Verbundenheit:* Ein bewusstes Lächeln, ein kurzer Blickkontakt, ein freundlicher Satz – sie aktivieren Oxytocin und stärken soziale Sicherheit.
• *Werteorientierte Schritte:* Welche Art Mensch möchte ICH in Beziehungen sein? Ein kleiner Schritt reicht – eine Nachricht schicken, ein Gespräch suchen, auftauchen.
• *Selbstmitgefühl:* Einsamkeit ist menschlich. Ein kurzer Moment des inneren Zugeständnisses („Es ist okay, dass ich mich so fühle“) beruhigt nachweislich das Nervensystem und erleichtert den Kontakt zu sich und Anderen.
• *Körperliche Regulation:* Ruhige Atmung (4 Sekunden ein, 6 aus), Summen oder Singen aktivieren den Vagusnerv und schaffen soziale Sicherheit von innen heraus.
• *Niedrigschwellige Kontaktpflege:* Eine kurze Voice Message, ein freundlicher Gruß, ein kleines Gespräch – regelmäßige Mini-Schritte stärken den „sozialen Muskel“. Eine ganz wunderbare Freundin von mir nannte dies vor vielen Jahren "Muh-Kommunikation": Zwei Kühe, die sich auf der Weide hin und wieder "zu-muhen" und damit eigentlich nur sagen wollen: "Ich stehe auch hier rum, schön, dass du ebenfalls hier bist!" :-)
Wenn Sie sich in der jetzigen Zeit einsam fühlen, dann sind Sie damit nicht allein – viele Menschen spüren gerade jetzt eine stille Leere. Erlauben Sie sich, freundlich zu sich zu sein und kleine Lichtblicke zu suchen, die Ihnen gut tun. Schon ein kleiner Moment der Wärme, der Ruhe oder der Verbindung kann etwas in Ihnen weicher machen.
Zum Nachlesen und -spüren:
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Prof. Bettina M. Pause: Verbundenheit https://amzn.to/4olMdSr
Manfred Sptzer: Einsamkeit https://amzn.to/48kSQ1r
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